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- Kamila Shamsie: Hausbrand | Mysite
Klappentext: Kamila Shamsie: Hausbrand Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen. Es ist kein Zufall, dass man Isma am Londoner Flughafen derart in die Mangel nimmt. Schon ihr Vater war ein Dschihadist, und nun hat sich ihr kleiner Bruder dem IS angeschlossen. Der ultimative Verrat, denn ihn und seine Zwillingssschwester Aneeka hat Isma großgezogen. Nach dem frühen Tod beider Eltern hatte sie ihr Studium abgebrochen, um für die jüngeren Geschwister die Mutterrolle zu übernehmen. Als die Zwillinge auf eigenen Füßen stehen können, bekommt Isma in den USA ein Stipendium und könnte dort weiterstudieren. Und das Wunder geschieht - sie darf einreisen. Dort angekommen freundet sie sich mit Eamonn an, einem jungen Engländer, der wie sie pakistanische Wurzeln hat, aber aus priviligierten Verhältnissen stammt. Als ihr kleiner Bruder dem IS den Rücken kehren will, könnte Eamonns einflussreicher Vater - er ist der Innenminister Großbritanniens - helfen. Doch der ist ein Hardliner, wenn es um die 'Sicherheit' der Engländer geht. zur Autorin: Kamila Shamsie, 1973 ... Wikipedia zum Buch: Genre: Fiktion, zeitgen. Romantik Verlag: Piper Verlag erschienen: 2018 Übersetzung von: Hansen, Nikolaus Seitenzahl: 253 unsere Lesekreis-Erfahrungen Vorbemerkungen zum Buch: Die Autorin hat sich sehr bewusst für eine Adaption bzw. die Neuinterpretation von Sophokles Stück Antigone entschieden. Die Erzählung spielt unter britischen Muslimen. Die Ersterscheinung des Buchs war 2017. Das Thema war brisant, aufgrund des Attentats im Mai 2017 in Manchester, noch explosiver jetzt, nach dem schrecklichen Ereignis in Solingen, den Ängsten und Bedenken der Menschen in der heutigen Zeit. Unser Fokus liegt auf der modernen Neuerzählung von Sophokles' "Antigone". Wir vergleichen die zeitlosen Themen des Originals mit der aktuellen Relevanz in „Hausbrand", die in modernen Kontexten neu interpretiert werden können. Die Romangeschichte bewegt sich in 2014 + 2015 und erzählt über Familienbande, Loyalität und Vorurteile in der modernen Welt. Wie Antigone thematisieren beide Werke zentrale Fragen von Loyalität, Moral, Identität, und dem Konflikt zwischen individuellen Überzeugungen, Religion und staatlichen Gesetzen, Recht und Gerechtigkeit. Familienloyalität vs. staatliche Autorität: In "Antigone" steht die Protagonistin vor der Wahl, die Gesetze des Staates zu befolgen oder ihrer familiären Pflicht nachzukommen, indem sie ihren Bruder beerdigt. Auch Aneeka sieht sich in diesem ethischen Zwiespalt: Soll man die Gesetze des Staates über die moralischen Verpflichtungen gegenüber der Familie stellen? Aneeka / Isma Seite 194: „Was ist mit seinem Körper? „ „Das ist bloß eine Hülle, wie ein Muschelhaus.“ „Halt dir ein Muschelhaus ans Ohr, und du hörst noch den Ozean , aus dem es gekommen ist (…)..Er wünscht sich nach Hause zu kommen –(…) dass ich ihn nach Haus hole, und sei es in Form eines Muschelhauses.“ Identität und Zugehörigkeit: Ebenso erkunden sie die Themen Identität und Zugehörigkeit. In "Antigone" ist die Identität der Protagonistin stark mit ihrer Familie und deren Traditionen verbunden. In "Homefire" wird die Identität der Charaktere durch ihre muslimische Herkunft und die Herausforderungen, die sie in der westlichen Gesellschaft erleben, geprägt. „Für Mädchen war es unvermeidlich, Frauen zu werden; Für Jungen war es ein Ehrgeiz Männer zu werden.“ Konflikt zwischen Geschwistern: In beiden Geschichten gibt es einen starken Fokus auf die Beziehung zwischen Geschwistern. Antigone und Ismene in "Antigone" sowie die Geschwister in "Homefire" müssen sich mit den Entscheidungen und dem Schicksal ihrer Geschwister auseinandersetzen, was zu Konflikten und tragischen Konsequenzen führt. „Wir sind nicht in der Position, den Staat unsere Loyalität in Frage stellen zu lassen. Verstehst du das nicht?“ Isma zu Aneeka Tragödie und Konsequenzen: Beide Werke enden tragisch und zeigen die weitreichenden Konsequenzen von Entscheidungen, die aus einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit und Loyalität getroffen werden. Die Charaktere müssen die Folgen ihrer Handlungen tragen, was zu einem Gefühl der Unausweichlichkeit führt. Seite 205: „Hier würde sie mit ihrem Bruder sitzen, bis sich die Welt änderte, oder sie beide zu Staub zerfielen .“ Uns hat besonders gut gefallen: Die Gliederung des Romans teilt sich in 5 Erzählperspektiven der jeweiligen Protagonisten. Shamsie schafft es, ohne Wertung jede Person unvoreingenommen und vorurteilsfrei zu zeichnen, die Beweggründe ihres Handelns und ihrer Standpunkte darzulegen. Die einzelnen Abschnitte sind unterteilt mit einem geometrischen Muster, das ebenso für ein Labyrinth wie für griechische Wandfriese stehen kann. Isma – sie übernimmt als 12jährige die Mutterrolle für die Zwillinge Aneeka + Parvaiz Seite 13: Flughafenkontrolle: „Aber Sie sehen sich als Britin?“ „Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht.“ Sie wollte damit sagen, dass es kein anderes Land gäbe, dem sie sich zugehörig fühlen könnte, aber ihre Worte hörten sich wie eine Ausflucht an." Eamonn – ist der Sohn des Innenministers, ein junger Mann, dem es gut geht, der ziemlich unbedarft in die Welt blickt. Seite 116: “Mein Fehler, wiederholte sein Vater mit trauriger Stimme. (…) ich bin derjenige, der nie wollte, dass du erfährst, wie es sich anfühlt, wenn einem Türen vor der Nase zugeschlagen werden. Wenn man sich den Zutritt erkämpfen muss. Ich hatte nicht gedacht, dass dich das so selbstgefällig macht, ein solches Anspruchsdenken in dir weckt.“ Aneeka + Parvaiz deren besondere Beziehung zusätzlich durch die Zwillings- Ähnlichkeit betonte wird. Parvaiz +Anneka beide haben ihren Vater nie kennengelernt Karamat ist der Vater von Eamon, britischer Innenminister, selbst Moslem und führt einen harten Kampf gegen Hardliner, fordert von britischen Muslimen, dass sie angepasst leben. Er sieht sich mit der Loyalität zu seiner Familie, der Religion und den Erwartungen der Gesellschaft konfrontiert. Was hat uns besonders berührt: Wir fanden besonders anrührend und die Sprache poetisch: S. 185: „Schmerz manifestierte sich auf alle möglichen Weisen, nur nicht als Schmerz: Schmerz löschte alle anderen Gefühle aus außer dem Schmerz; Schmerz veranlasste einen Zwilling , tagelang das gleiche Hemd zu tragen, um den Morgen zu bewahren, an dem der Tote noch gelebt hatte;“ Anneka / Eamonn: “The world was dark and then there you were, blazing with light. How can anyone fail to love hope?“ Die Welt war dunkel, und dann warst du da, strahlend vor Licht. Wie kann man die Hoffnung nicht lieben? Letzter Satz: „Einen Moment lang sind sie ein Liebespaar im Park unter einem alten Baum, vom Sonnenlicht gesprenkelt, schön und in Frieden“. Wir sprachen über: Die Rolle der Medien, bei der Zuspitzung der Ereignisse von Shamsie sehr geschickt eingeflochten, deren Berichterstattung oft aufrührerisch beschämend, sehr parteilich aber nicht unbekannt ist. Fazit: Wir wissen nicht, ob wir es empfehlen können, es ist sehr schwere „Kost“ in jeder Beziehung. Eine unserer Teilnehmerinnen erklärte die Frage ist, „wem es zuzumuten ist“, Ich finde das trifft es sehr gut. Ich bin ein Textabschnitt. Klicke hier, um deinen eigenen Text hinzuzufügen und mich zu bearbeiten.
- Daniel Glattauer: Darum | Mysite
Daniel Glattauer: DARUM Klappentext Stell dir vor, es ist Mord, und keiner glaubt dir. So geht es dem allseits beliebten Journalisten und Gerichtsreporter Jan Rufus Haigerer, der eines Abend einen Menschen niederschießt, um sich gleich darauf in die Hände der Justiz zu begeben. Dort will man ihn allerdings als Mörder partout nicht in Frage kommen lassen. Haigerer versucht mit allen Mitteln, endlich für seine Tat verurteilt zu werden. Doch sein Wille zur Sühne wird durch das unerbittliche Wohlwollen der Mitmenschen auf eine harte Probe gestellt... zum Autor: Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig. ...Goldmann zum Buch: erschienen: 2009 Verlag: Goldmann Genre: Kriminalroman Seitenanzahl : 316 zu unseren Lesekreiserfahrungen:
- Wolf Haas: Eigentum | Mysite
Klappentext: Wolf Haas: Eigentum Mein ganzes Leben lang hat mir meine Mutter weisgemacht, dass es ihr schlecht ging. Drei Tage vor dem Tod kam sie mit der Neuigkeit daher, dass es ihr gut ging. Es musste ein Irrtum vorliegen." Mit liebevoll grimmigem Witz erzählt Wolf Haas die heillose Geschichte seiner Mutter, die, fast fünfundneunzigjährig, im Sterben liegt. 1923 geboren, hat sie erlebt, was Eigentum bedeutet, wenn man es nicht hat. "Dann ist die Inflation gekommen und das Geld war hin." Für sie bedeutete das schon als Kind: Armut, Arbeit und Sparen, Sparen, Sparen. Doch nicht einmal für einen Quadratmeter war es je genug. zum Autor: Wolf Haas, Jahrgang 1960... Wikipedia zum Buch: Genre: Fiktion Verlag: Hanser Verlag erschienen: 2023 Seitenzahl: 156 Wie hat es uns gefallen: Dieses Mal ist der Kritikanteil höher als bei anderen Werken, die bisher besprochen wurden. Das Mutter-Sohn- Verhältnis wird vom größten Teil der Gruppe als lieb- und respektlos wahrgenommen, der Humor des Autors kommt nicht an. Den Erzählstil empfinden sie als schonungslos und bissig, mit Sarkasmus das Leben der Mutter ins Lächerliche gezogen. Der Roman hat Zwei Handlungsstränge Das Leben der Mutter und zwar ausschließlich Der Aufgabe von Wolf Haas, der eine Poetiklesung, die er halten soll, vorbereitet, Er beginnt 2 Tage vor ihrem Tod, als der Autor noch kein Thema für seine Lesung erkoren hat, demzufolge ist auch kein Text vorhanden. Die Überlegung ist „kann man vom Leben schreiben“ Der Schauplatz ist vornehmlich das Alten- und Pflegeheim, in dem die Mutter ihn zur Welt brachte, und nun dem Tode entgegendämmert. Es wurde von einer Geburtsklinik in ein Pflegeheim umgewandelt. The Circle of Life S. 75: „weil ich in dem Gebäude, in dem meine Mutter starb, geboren wurde. Zuerst hat sie meinen Bruder hier zur Welt gebracht, vier Jahre später mich, jetzt starb sie hier. „Da wären wir wieder einmal. (….) Jetzt ging der Embryo nahezu 60 Jahre später zurück“. Vielleicht ein wenig zu pathetisch, aber auch sehr melancholisch Der Schreibstil: Bei den Erzählpassagen Mutter - Sohn, wechselt er gerne in die Sprache der Mutter in Dialekt und einfacher gehalten. Was hat uns gestört: Es wurde die Mutter als „vorgeführt“ empfunden, der Humor eher als makaber. Lästig wirkten auf viele auch die ständigen Wortwiederholungen. Am meisten berührt hat uns: Am meisten berührt negativ war für fast alle das Begräbnis der Mutter (Was könnte sie anhaben) die „Spielerei mit Beileid.. Am positivsten berührt hat uns das „Telefonieren“ mit dem Jenseits gleich zu Beginn des Buches und zum Ende, ebenfalls eine schöne Schließung des Kreises. Die Zusammenfassung der Fertigkeiten und Sprachgewandtheit seiner Mama auf Seite 116/117 präsentieren eine intelligente Frau, die alles konnte „nur nicht mit Leuten“ und zeigt liebevolle Zärtlichkeit und Hochachtung. „Nachdem sie ihren Traum, ihr eigenes Grundstück zu erwerben, aufgegeben und von keinerlei Eigentum Besitz ergriffen hatte, hatte etwas von ihr Besitz ergriffen: Niedergeschlagenheit.“ Vergleich: Wir fühlen uns erinnert an Alex Schulmans „Verbrenn all meine Briefe“ Lieblingsstellen Zitate: Über das Seufzen als vorsprachliche Äußerung Seite 21: das vorwurfsvolle, mitfühlende, Lustvolle, sentimentale, schmerzerfüllte. 😉 Wir sprachen über: Die Verbitterung dieser Frau, über ihre lebenslange Armut, die Entbehrungen und Auswirkungen der Weltkriege, die Inflation. Die prägende Erfahrung für Mutter und Kind Seite 34: „Schon als Fünfjähriger wusste ich, was Inflation war“ (….) Das ganze Geld hin. Kaputt. (…) Hast nichts mehr dafür gekriegt. (…) Alles hin.“ Eine Frau, die leider keinen Optimismus für sich in Anspruch nehmen konnte. Was ist unsere Meinung zur Stimmung im Werk: Der Sound des Buches ist uns zu düster, pietätlos, sein Humor gemessen am Thema für zu makaber, was bei der Beerdigung bspw. besonders kritisiert wird. Bei den meisten stellt sich ein unangenehm bedrückendes Gefühl ein. (Seite 147). Es kommt keine Spannung auf. Was ist unser Fazit, sind unsere Erkenntnisse? Vielleicht als Einstieg in die Haas-Sprache das falsche Buch! unsere Lesekreis-Erfahrungen:
- Lesekreis-Erfahrungen DARUM | Mysite
Lese-Erfahrungen in unserem Lesekreis: Daniel Glattauer: DARUM Bereits im Klappentext ist es deutlich: Die Frage ist weniger „Wer hat es getan“ sondern „Warum?“ – und warum wird diese Version geglaubt – und jene nicht? In unserem Lesekreis wurde Daniel Glattauers Roman „DARUM“ kontrovers diskutiert. Die Meinungen zum Buch gingen deutlich auseinander: Während einige Teilnehmerinnen die satirischen und gesellschaftskritischen Aspekte des Romans besonders gelungen fanden, konnten andere mit der teilweise stark überzeichneten Handlung und einzelnen Wendungen wenig anfangen. Insgesamt hielten sich Zustimmung und Kritik in etwa die Waage. Ein zentraler Diskussionspunkt war die Figur des „Protagonisten“, gewissermaßen sein "Psychogramm", der Mörder ohne sichtbares Motiv. Dabei versucht die Figur offenbar ständig, den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Gerade dieser Aspekt wurde unterschiedlich bewertet: Einerseits macht er die Figur interessant und schwer durchschaubar, andererseits erschienen manche ihrer Handlungen und Entscheidungen den Leserinnen zu konstruiert oder unrealistisch. Überhaupt wurden einige der zahlreichen Wendungen des Romans als wenig glaubwürdig empfunden. Manche Leserinnen hatten den Eindruck, dass die Handlung zunehmend ins Fiktive und Überzeichnete abgleitet. Andere konnten diese Überzeichnung als Teil des Konzepts akzeptieren und fanden darin einen besonderen Reiz des Romans. Seite 187 „Die Regeln der Normalität.“ Gefallen hat uns: Als positiv wurde die kritische Darstellung des Journalismus und der öffentlichen Meinungsbildung aufgenommen. Der Roman zeigt, dass nicht allein die Fakten entscheidend sind, sondern ebenso die Art und Weise, wie diese Fakten gedeutet, gewichtet und erzählt werden. Der Aspekt wie leicht sich ein Bild von einer Person durch mediale Darstellung verändern lässt, wurde von mehreren Teilnehmerinnen als aktuell und gelungen empfunden. Seite 154 „Die Medien hatten mich anscheinend todkrank geschrieben“ Diskutiert wurde: Satire als Stärke oder als Zugangs-Hürde? - Uneinigkeit bestand dagegen bei der stark überzeichneten Satire. Einige Leserinnen waren von der satirischen Zuspitzung begeistert und sahen darin eine Stärke des Romans. Die Übertreibung ermögliche es, gesellschaftliche Mechanismen deutlicher sichtbar zu machen. Filmvergleiche: „wie im schlechten Film “ – „weil Filme das Leben abpausen und das Leben abzupausen war schon immer einfacher und lustvoller als es selbst zu zeichnen“ Andere fanden gerade zu dieser Form der Satire keinen Zugang. Die Überzeichnung wirkte auf sie eher unrealistisch oder störend und erschwerte dadurch den Zugang zur Geschichte. Vergleich: Im Gespräch wurde ein Vergleich mit Albert Camus’ „Der Fremde“ gezogen. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob die Hauptfigur, beziehungsweise die Handlung, ebenfalls als eine Art Parabel verstanden werden kann – etwa als Auseinandersetzung mit der Frage, was einen „guten Menschen“ ausmacht und wie stark unser Verhalten von den Erwartungen anderer bestimmt wird. Dieser Vergleich eröffnete eine interessante Perspektive auf den Roman: Nicht allein die Frage nach Schuld und Unschuld steht im Vordergrund, sondern auch die Frage, wie Menschen von ihrer Umwelt beurteilt werden und welche Rolle gesellschaftliche Erwartungen dabei spielen. „Denn die Spannung lebte von der Überraschung, nicht von der Erwartung.“ Fazit: Die schöne und sehr interessante Diskussion zeigte insgesamt, dass „DARUM“ ein Roman ist, der sehr unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Diese machen deutlich, dass der Roman verschiedene Lesarten zulässt: Man kann ihn als Psychogramm einer ungewöhnlichen Täterfigur, als gesellschaftskritische Satire oder als Reflexion darüber lesen, wie sehr Menschen durch die Erwartungen anderer und durch öffentliche Deutungen geprägt werden.
- Jasmin Schreiber: Marianengraben | Mysite
Jasmin Schreiber: Marianengraben Klappentext: Paula braucht nicht viel zum Leben: ihre Wohnung, ein bisschen Geld für Essen und ihren kleinen Bruder Tim, den sie mehr liebt als alles auf der Welt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der sie in eine tiefe Depression stürzt. Erst die Begegnung mit Helmut, einem schrulligen alten Herrn, erweckt wieder Lebenswillen in ihr. Und schließlich begibt Paula sich zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise, die sie beide zu sich selbst zurückbringt - auf die eine oder andere Weise. zur Autorin: Jasmin Schreiber... Quelle Wikipedia . bitte hier klicken! zum Buch: Genre: Belletristik Verlag: Eichborn Verlag erschienen: 2021 Seitenzahl: 252 Jasmin Schreiber: Marianengraben Der Klappentext gibt einen kurzen Abriss: Verlust, Schmerz, Trauer, Schuldgefühle, aber auch Freundschaft. Es sind wenige Akteure: Paula, die Protagonistin, die ihren kleinen Bruder Tim verloren hat und Helmut, der seiner verstorbenen Frau Helga versprochen hat, ihre letzte Ruhe nicht auf dem Friedhof, sondern an ihrem Wunschort in Südtirol zu finden. Dazu gibt es Judy, den Hund Helmuts, einen Schäferhunde-Mischling, und Lutz, das Huhn Paulas. Der Roman beginnt 2 Jahre nach Tims Tod, Paula befindet sich in Therapie, da sie keinen Lebensinhalt durch ihre Schuldgefühle empfindet. Das Problem des nicht-loslassen-könnens beschreibt sie in ständigen Dialogen und Flashbacks mit Tim. Sie ist ca. 25 Jahre alt, Helmut ist geschiedener Witwer, in seinen 80ern, seine Frau Helga war seine große Liebe. Wie hat es uns gefallen: Der Roman hat für uns die richtige Mischung aus Sensibilität für das Thema, und Situationskomik, Humor, der bei aller Traurigkeit ein Lächeln entlockt. Ein Roadtrip, der zur Therapie wird, Alt - Jung, durch Trauer vereint. Die Vorstellung, Seite 30: „Wie heißen sie eigentlich?“ fragte ich. „Helmut“. Und Sie?“ „Paula. Angenehm“. „Na ja, wir wollen es mal nicht übertreiben“. -„Netter Typ.“ Das gegenseitige Verständnis, Seite 96: „Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genauso flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“ Vegetarierin kontra Fleischesser, Seite 70/71: Als Paula Helmut erklärt, dass Tintenfische mit der Haut sehen können: „Streichen sie den Tintenfisch, ich nehme die Kartoffelpuffer mit Apfelmus“, sagte er, und setzte in meine Richtung nach: „Oder können Äpfel auch mit der Schale sehen?“ Was hat uns gefallen: Die Gliederung des Romans hat uns gut gefallen, jedes Kapitel beginnt mit Tiefenmeter-Ansagen, die das langsame Auftauchen aus der Düsternis, die Fortschritte der Trauerverarbeitung bekunden. Als roter Faden und verbindendes Element zwischen dem ungleichen Paar ist zur Trauer die Duplizität des Todes von Helga und Tim: Der stille Tod des Ertrinkens. Sehr gut ist das Buchcover gelungen, die Tentakel, die Paula immer wieder in die Tiefe des Marianengraben ziehen. Es wurde kritisiert: Etwas aufgesetzt wirkte die „Aschensicherstellung“ von Helmuts Frau Helga,(Seite 34) leichte Slapstick-Tendenzen sind nicht zu leugnen und wirken übertrieben, so die „Tradition“ die Urnen zu entwenden (Seite 219). Der Ton war uns manchmal zu schnodderig: Seite 87: „ ..dass ich nach diesem Trip einen Reiseführer mit dem Titel die schönsten Pinkelstellen Deutschlands und Österreichs würde herausgeben können.“ Fazit: Emotional und einfühlsam wird über Schuldgefühle und Selbstvorwürfe aus dem Eindruck der Verantwortlichkeit für den Tod eines geliebten Menschen erzählt. Die Autorin schreibt nicht stilistisch, aber mit sehr viel Gefühl! Ein Kraft-Buch, es lebe das Leben! Und hier noch mein Lieblingszitat: Eine schöne Metapher, Seite 10: „Ein Buch in der Hand kann ein echter Rettungsanker sein – wenn die See des Lebens zu rau ist, klammert man sich an Geschichten und lässt sich von ihnen in Sicherheit bringen.“ unsere Lesekreis-Erfahrungen:
- Lesekreis-Erfahrungen 22 Bahnen | Mysite
Lese-Erfahrungen in unserem Lesekreis: Caroline Wahl: 22 Bahnen: Wie hat es uns gefallen: Die Autorin zählt zu den Schriftstellerinnen der jungen Generation, in unserem Lesekreis sogar zur Jüngsten. Nach ihren eigenen Aussagen wollte sie eine zeitlose Geschichte schreiben, die jede Altersgruppe anspricht und weit weg von ihrem eigenen Leben ist. Dem können wir so nicht zustimmen, ist doch jede Generation durch unterschiedliche technologisch und kulturelle Einflüsse geprägt, und bringt daher eigene Interessen, Werte und Erfahrungen mit. Erzählt wird in einer jungen Sprache, die klar und präzise ist, mit trendiger Ausdrucksweise. In den drehbuchhaften Dialog, die Variante der direkten Rede Er:, Sie:, muss sich erst eingelesen werden. Tilda schwimmt regelmäßig ihre 22 Bahnen, ein Ritual, das ihr Halt gibt, hilft, mit ihrem Alltag umzugehen. Eine junge Frau sehnt sich nach einem selbstbestimmten Leben, während sie mit katastrophalen familiären Belastungen, ersten Liebeserfahrungen und dem Bewusstsein ihrer Verantwortlichkeit konfrontiert ist. Sie ist die zentrale Figur, eine starke junge Frau als Heldin. In einem Familienleben, das keines ist, versucht sie die jüngere Schwester zu schützen und zu coachen, „ich hätte 5 Monate Zeit, um Ida vorzubereiten. …Denn ich kann nur gehen, wenn Ida gewappnet ist. Sie müsste eine Kämpferin werden, und ich müsste sie rüsten. ….(…)“ Seite 73: versäumte Jugend: „Ich bin die ganze Zeit hiergeblieben, ganze 6 Jahre nach dem Abi, und während meine Freunde wegzogen, umzogen und reisten ..(…)..war ich 6 Jahre hier, habe gearbeitet, studiert, Ida großgezogen..(..). Wie eine Oma. ..dabei weine ich immer noch, aber ich lache auch laut, weil ich Ida habe und Ida mich hat.“ Was hat uns gefallen: Die Texte sind oft sehr poetisch und die Sehnsucht nach Freiheit fühlbar. Seite 65 „…die Wolken flogen nur so dahin. Das Gesicht eines Pandabären, dem allmählich ein Körper wuchs, und ein Adler, der seine Flügel immer weiter ausbreitete.“ Schwimmen Seite 53:“....und das Wasser, in das ich mich ungeduscht fallen lasse, schmiegt sich um meinen erschöpften Körper und wäscht das Chaos, das ich ausgeschwitzt habe, von meiner Haut.“ Seite 150: „Der Herbst ist ein Magier, der alles verzaubert. Er hüllt die Welt in Wind, Nebel und Regen, und es riecht nach Leben. Grün wird zu Feuer.“ Seite 105: Zuflucht Lesen 😉 Die Gedanken über das Lesen, die Bücher: „Ich wusste, das Lesen ein guter Vorschlag sein würde. Lesen hat mir damals viel gegeben, und gibt mir immer noch viel. …(..) dass mir niemand diese Geschichten, diese Welten wegnehmen kann, in die ich mich zu flüchten vermag, beruhigte mich und machte mich unverwundbar.“ Nicht gefallen hat uns, dass kein Perspektiv-Wechsel auf die Mutter stattfindet. Auch das erfolgreiche Ende (Tilda coacht Ida so, dass sie ihren Weg auch mit der Distanz, die Tildas Doktoranden-Stelle mit sich bringt, zu ertragen glaubt. )– , halten wir für ein wenig 😉 realitätsfern. Es sorgt jedoch mit für das Wohlfühl-Gefühl, das sich beim Lesen einstellt….und: Der Märchenprinz für Tilda darf natürlich auch nicht fehlen. Berührend fanden wir: Toll beschrieben: Die Ambivalenz, die sich im Verhältnis zur Mutter hervorhebt: Sie wird sowohl als Bezugsperson als auch als Monster dargestellt, insbesondere wenn sie in ihrer Sucht gefangen ist. Das Wechselspiel zwischen den widersprüchlichen Gefühlen und Rollen – von Mutter zu Ungeheuer und umgekehrt- wird deutlich gezeigt. Abtauchen in Fantasien: Ida malt und erfindet Märchen, die sie mit Tilda zusammen weiterentwickelt, als Flucht von der Realität. Seite 76 „Es war einmal eine mutige Ritterin. Ihr Name war Tilda.“ Als Lieblingsperson in der Gruppe wurde Ida gekürt, ein Kind, dessen absolute und einzige Bezugsperson in der desolaten Familie die große Schwester ist. Fazit: Wir würden es einordnen in die Kategorie Resilienz-Buch, es ist nicht verstörend, zerstörerisch, manchmal nicht ganz glaubhaft. Für die ganz Jungen und jung Gebliebenen ist das Buch absolut zu empfehlen und gelungen. Die Älteren dürfen gern neugierig sein, es kann mit einem Augenzwinkern gelesen werden. Unsere Gruppe ist sich einig, das Buch ist besonders für die jüngere Generation geeignet, die mit frischem Blick und viel Energie in die Geschichte eintauchen möchte.
- Francesca Melandri: Eva schläft | Mysite
Francesca Melandri: Eva schläft Klappentext: Der Roman einer Provinz ohne Vaterland und eines Mädchens ohne Vater. Eva ist Anfang vierzig, als sie einen Anruf von dem Mann erhält, der eine Zeitlang die Rolle ihres Vaters einnahm, bevor er verschwand. Vito Anania. Er liegt im Sterben und will Eva noch einmal sehen. Sie reist mit dem Zug von Südtirol quer durch Italien in den äußersten Süden. In ihrer Erinnerung entfaltet sich unterwegs ihre ganze Kindheit: Sie wuchs in einer Region auf, die Jahrzehnte lang der Spielball bedrohlicher Allianzen war und dann den Aufbruch wagte. Geprägt wurde Eva von der Liebe ihrer Mutter, die ihr Vorbild war und Schutz. Autorin Francesca Melandri, geboren in Rom, schrieb zahlreiche Drehbücher für Fernseh- und Kinofilme. "Eva schläft" ist ihr erster Roman und spielt vor dem Hintergrund der wechselnden Geschichte Südtirols, wo die Autorin 15 Jahre lebte. Verlag Wagenbach Wikipedia zum Buch: Genre: Gesellschafts- und Familienroman Verlag: Klaus Wagenbach TB 805 13. Auflage 2014 Übersetzung: aus dem Italienischen von Bruno Genzler erschienen: erstmals 2010 Seitenzahl: 434 zu unseren Lesekreiserfahrungen:
- Lesekreis-Erfahrungen Herkunft von Sas | Mysite
Lese-Erfahrungen in unserem Lesekreis: Saša Stanišić zum Buch Herkunft Herkunft ist Saša Stanišić's persönlichster Roman, er erzählt seine eigene Familiengeschichte, und von Jugoslawien, einem Land, das es nicht mehr gibt. Der Roman ist nach eigenen Aussagen essayistisch, fiktional, biografisch. Er ist am 7. März 78 in Višegrad geboren, heute Bosnien. Im Alter von 14 Jahren ist er mit der Familie 1992 nach Heidelberg vor dem Bosnienkrieg geflohen. In Heidelberg lebten sie in einem migrantisch geprägten Viertel der Stadt. Er erzählt von seinen Erinnerungen der Kindheit, von der Ankunft in einem fremden Land als Jugendlicher und die folgende Entwicklung. Ich möchte in diesem Zusammenhang bewusst auf den Begriff „coming-of-age“ verzichten. Es ist sein Anliegen, seine Geschichte und die seiner Familie festzuhalten, die Erinnerung zu „konservieren“. Sein Roman „Herkunft“ sei ein Fragen nach neuralgischen Punkten, betont er im Deutschlandfunk. Als die Eltern 1998 in die USA gehen, (sie wandern nach Florida aus, um der Abschiebung ins ethnisch gesäuberte Višegrad zuvorzukommen) bedeutet das für Saša eine weitere Phase der Entfremdung und Anpassung an neue Lebensumstände.- Seite 66: "Meine Familie lebt über die ganze Welt verstreut. Wir sind mit Jugoslawien auseinandergebrochen, und haben uns nicht mehr zusammensetzen können". Der Auslöser zum Schreiben des Romans sagt er in einem Interview, "war die Demenz meiner Großmutter Christina. Ihr Vergessen der Geschichten und der eigenen Geschichte, das dazu geführt hat, dass ich ihr Fragen stelle.“ Die Großmutter lebt bis zu ihrem Ende in Bosnien. „Ich habe nach ihren Erinnerungen gesucht, gleichzeitig hat sie ihre Erinnerungen verloren. „ Wie hat es uns gefallen: Wir sind alle einer Meinung: Das Buch hat uns beeindruckt, die Geschichte sehr berührt. In Ton und Sprache sind seine Episoden vielschichtig, mit sehr viel Liebe fürs Detail wiedergegeben, reich an Metaphern. Es ist in der Tat ein Lesevergnügen. NDR Kultur spricht mit Recht von einem "besonderen Stanisic-Ton" 😉 Was hat uns gefallen: Ohne den Ernst und die Trauer zu schmälern, gelingt ihm eine Leichtigkeit des Erzählens. Ein Mosaik aus Erinnerungen, Anekdoten, Parallelmontagen und Selbstreflektion. Seite 5: „Es ist der 7. März 2018 in Višegrad, Bosnien und Herzegowina. Großmutter ist siebenundachtzig Jahre alt und elf Jahre alt." Seite 38: „Die Schlange sieht von ihrem Baum auf mich herab und aus meiner Kindheit in mich hinein☹….) Schon bin ich 30 Jahre jünger, ein Junge in Višegrad. Es ist ein Sommer vor dem Krieg in den unruhig träumenden Achtzigern. Vater und Mutter tanzen.“ Seite 269: „Es ist der 17. August 1992. Mutter steigt in den Bus, ich folgte. Es ist der 27. April 2018. Mutter löscht die Zigarette und steigt wieder ein. Wir fahren weiter:“ Besonders berührt hat uns: Dr. Heimat Seite 175: Ein empathischer Zahnarzt, der seine Berufung lebt: Außer die Karies bei Saša und seinen Freunden unentgeltlich zu behandeln zu behandeln, versucht er die Einsamkeit des Großvaters zu lindern. – Er lädt den Großvater zum Angeln ein. Seite 184 : Die Scham – Saša möchte niemanden mitnehmen in sein zuhause in Heidelberg „Man sah ja, wie es uns wirklich ging“ Die Tragik Herkunft teilweise zu verschleiern, oder neu zu erfinden, um Stigmatisierung oder Festlegung zu umgehen. Seite 114: „Zoki kommt ins Klassenzimmer,..(…). Jeder trägt sich ein. Es gibt drei Spalten: Moslem / Serbe / Kroate. Alle versammeln sich, alle zögern. Seite 229 „Ich habe das Betrügerische der Erinnerung satt und das Betrügerische der Fiktion allmählich auch (….) Wie dünn Vater in Deutschland am Ende doch war.“ Wir haben diskutiert über die verschiedenen Möglichkeiten zum Ende des Romans: Die diversen Alternativen sind im Lesekreis auf wenig Gegenliebe gestoßen. Lieblingszitate: "Meine Großmutter besaß ein Nudelholz, mit dem sie mir Prügel androhte. Es kam nicht, ich habe aber bis heute ein reserviertes Verhältnis zu Nudelhölzern und indirekt auch zu Teigwaren." Seite 7 "Herkunft sind die süß-bitteren Zufälle, die uns dorthin getragen haben. Sie ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat." Seite 12 "Jedes Zuhause ist ein zufälliges dort wird du geboren, hierhin vertrieben…" Seite 119 "Ich glaube, dass es wenig Schlimmeres gibt, zu wissen wo man hingehört, aber nicht dort sein zu können ." Seite 170 „Herkunft bleibt doch ein Konstrukt, es ist doch nur eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch, oder mit etwas Glück ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien schafft.” Fazit: Wir stimmen der Verleihung "Deutscher Buchpreis 2019" absolut zu 😉, empfehlen das Buch und würden es auch verschenken - (habe ich schon getan) ...und natürlich noch einmal lesen, um wirklich alle Pointen und Spitzen in sich aufzunehmen!
- Lesekreis-Erfahrungen Lichtspiel | Mysite
Lese-Erfahrungen in unserem Lesekreis: Das 1. Treffen im neuen Jahr nach der Winter-Feiertagspause. Daniel Kehlmann: Lichtspiel Wie aus dem Klappentext hervorgeht, steht die Geschichte eines berühmten Regisseurs, der auf der Höhe seines Erfolgs die letzten Stummfilme produzierte, im Vordergrund. Mit Fritz Lang und Friedrich Murnau war er der wichtigste Filmemacher der Weimarer Republik: G. W. Pabst Er, mit seiner Frau Trude (Gertrude) und seinem Sohn Jakob, ist eine der zentralen Hauptfiguren. Die Film-Industrie in Zeiten des Dritten Reiches wird „beleuchtet“, Abhängigkeit und Opportunismus der Branche, Konstellationen von Macht und Ohnmacht eindringlich dargestellt. Wie hat es uns gefallen : Hervorgehoben wird die Figurenvielfalt, der Perspektivenwechsel, die komplexe Struktur und Vielschichtigkeit. Im Roman gibt es keine Zeitsprünge. Die Ausnahme bildet der 2. Handlungsstrang, in dem die Erzählerfigur Franz Wilzek, der dement im Seniorenheim „Abendruh“ lebt, als alter Mann zurückblickt. Er war Pabst’s Kameramann und Assistent. In das erste und letzte Kapitel ist das Geschehen um Pabst und dessen letztes Filmprojekt "Molander" eingebettet. Anfang und Ende finden sich, Der Kreis der Geschichte schließt sich. Der Roman ist gegliedert in 3 Abschnitte: "Draußen" (USA/Frankreich), "Drinnen" (Drittes Reich) und "Danach" die erwähnte Rahmenhandlung. Was hat uns gefallen: Der Titel ist Inhalt und Metapher zugleich, lässt Raum für Wortspiele 😉: Schattenspiel, Schlaglicht, Blitzlicht, Lichtblick. Wie ein Regisseur nutzt der Autor filmtechnische Mittel: Beleuchtung, Schnitt, Perspektive, Montage, Kameraführung. Als „Einstieg“ ein Bonmot der leichteren Art, Seite 34: Im Draußen , Pabst ist in Hollywood, um die Sprache bemüht: „Kein Windhauch, erstarrt die Palmen ums Schwimmbecken…(…)..„Großartig, sagte Pabst. GREAT. Er wusste, dass das Wort immer bei den Amerikanern passt, genau wie es richtig ist, immer ihre Schuhe zu loben." Besonders beeindruckend fanden wir: ..die kafkaesk geschilderten Geschehnisse: unheimlich, rätselhaft und absurd. Übersteigerte oder verzerrte Perspektiven, expressionistische Raumgestaltung. alptraumhafte Episoden: Seite 159 ff Der Sturz Pabsts in der Bibliothek, wirft die Frage auf, ist er Pabsts Höhenangst anzulasten, oder hat wirklich der Hausmeister die Leiter gekippt . „Verzerrte Alltagsmomente": Seite 281 Gänge ohne Ende - Ein Labyrinth - Jakob steigt hinab in den dunklen Keller. - Die Erwartung einer Gestalt. Wessen Fantasie? - Seine, oder die des Lesers? “ Absurd bedrohlich: Das Böse, das Unheimliche als Instrument – wie das Ticken der Pendeluhr im Schloss , wenn das Zuhause kein Schutzort mehr ist, sondern ein Gefängnis. beklemmende Situationen: Die Anwesenheit des zwielichtigen Hausmeisters Jerzabeck mit seiner Familie, sie sorgen für Paranoia und Zwang, Furcht vor Denunziation. Besonders böse Satire: Pabst, in der Vergangenheit für seine sozialkritischen Filme berühmt, ist zum „Canossagang“ zu Goebbels gezwungen (im Roman am 1. April, …) Besonders berührt hat uns: Die Perspektive Jakobs, auf der Bahnfahrt nach Österreich, als er, ohne es benennen oder verstehen zu können, die Deportationen beobachtet. Seite 123 ff Die Abholung des Drehbuchautors Heuser, von zwei Gestapobeamten, und Trude, die das Drama nur akustisch, dennoch unbehaglich, mit Angst besetzt, erlebt. Seite 295 Diskutiert wurde: Kunst über alles? Abgründe unserer Zivilisation - Die persönliche Verantwortung in einer schwierigen Zeit. Im Drinnen: Seite 303 Pabst mit Trude : "Du hast recht, hat er schließlich gesagt. Aber nur halb. Denn all das geht vorbei. Aber die Kunst bleibt...(..) Selbst wenn sie bleibt, die...Kunst. bleibt sie nicht beschmutzt?" Wie viele moralische Kompromisse verträgt die große Kunst? (Kehlmann) »Weder in Frankreich noch in Amerika habe er so ungehindert arbeiten können! An diesem Punkt erschrak er normalerweise und sagte, dass es natürlich ein großes Unglück sei, hier festzusitzen.« Pabst erlebt Kognitive Dissonanz: Ignorieren, Verdrängen, Vergessen: Unangenehme Fakten aus dem Bewusstsein drängen, um das Spannungsgefühl kurzfristig zu senken. Sich des Systems bewusst, erklärt, rechtfertigt er sich selbst die Kompromisse, die er eingeht. Es gibt kein richtiges Leben im falschen – Unzuverlässige Erzählinstanz Die wiederholt geäußerte Kritik am unzuverlässigen Erzähler, sowie an der satirischen Darstellung prominenter Personen, wird auch bei uns deutlich, sobald historische Figuren bewusst fiktional verfremdet und satirisch verzerrt inszeniert werden. Eine Rezeption des Buches als Biografie greift zu kurz und wird der Perspektive „Dichtung und Wahrheit“ nicht gerecht. Hilfreich wäre vermutlich ein Vorwort, Nachwort gewesen, um die Wahrnehmung einer persönlichen Herabsetzung zu vermeiden. Zum Ende und Fazit: Die Existenz des Film-Projekts? „Molander“, von Wilzek durchgängig beharrlich geleugnet, geben wir nicht preis. Das Danach - Wir wollen nicht spoilern oder vorgreifen. Wurde es gedreht, geschaffen, unter diesen fürchterlichen Zu- wie Umständen? -- Dichtung oder Wahrheit 😉 Ein Buch, so intensiv, dass es eine Lesewiederholung verträgt.
- Tonio Schachinger: Echtzeitalter | Mysite
Tonio Schachinger: Echtzeitalter Klappentext: Ein elitäres Wiener Internat, untergebracht in der ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger, der Klassenlehrer ein antiquierter und despotischer Mann. Was lässt sich hier fürs Leben lernen? Till Kokorda kann weder mit dem Kanon noch mit dem snobistischen Umfeld viel anfangen. Seine Leidenschaft ist das Gamen, konkret das Echtzeit-Strategiespiel Age of Empires 2. Nach dem Tod seines Vaters wird für ihn aus dem Hobby eine Notwendigkeit. Ohne dass jemand aus seinem Umfeld davon wüsste, ist Till mit 15 eine Online-Berühmtheit. der jüngste Top-10-Spieler der Welt. Nur: Wie real ist so ein Glück? Im Abschlussjahr 2020 kommt für Till, in der Schule und im Leben, alles noch einmal ganz anders als gedacht zum Autor: Tonio Schachinger, geboren 1992 in Neu-Delhi.. Wikipedia zum Buch: Genre: Roman, liter. Fiktion, Coming of Age Verlag: Rowohlt-Verlage erschienen: 2023 Seitenzahl: 368 zu unseren Lesekreis-Erfahrungen:
- Tochter des Fotografen | Mysite
Der Klappentext: Kim Edwards: Die Tochter des Fotografen Lexington, Kentucky 1964: In einer stürmischen Winternacht entbindet der Arzt Dr. David Henry seine hochschwangere Frau. Zuerst bringt sie einen kerngesunden Jungen zur Welt. Doch dann setzen die Wehen erneut ein und de, Jungen folgt seine Zwillingsschwester nach. Dieses Kind ist behindert. In Sekundenschnelle trifft David eine Entscheidung, die das Leben aller Beteiligten folgenreich verändert: Währen d seine Frau Norah in Narkose liegt, bittet er die Krankenschwester Caroline, den Säugling stillschweigend in ein Heim zu bringen. Aber Caroline flieht mit dem Mädchen und zieht es alleine groß.- So beginnt eine ergreifende Geschichte, die mehr als ein Vierteljahrhundert umspannt und die Schicksale ganz außergewöhnlicher Menschen erzählt. Erst am Schluss treffen alle Lebenswege wieder zusammen, die in jener Nacht so grausam getrennt wurden. zur Autorin: Aus dem Englischen übersetzt - (Wikipedia) Kim Edwards, geboren am 4. Mai 1958 in Killeen, Texas, USA ist eine amerikanische Autorin und Pädagogin. Sie wuchs in der Region Finger Lakes im Bundesstaat New York auf und absolvierte die Colgate University und die University of Iowa, wo sie eine MfA (Master of Fine Arts) in Belletristik und einen MA in Linguistik erwarb. Sie erhielt mehrere Preise für ihren Roman und ihre Kurzgeschichten. Memo ry Keeper- Schatten der Vergangenheit wurde 2008 verfilmt. Erfahrung im Lesekreis: Ein leichter, lesenswerter, von der Problematik aus Liebe, Schuld, Trauer, und Behinderung sehr lebendiger Roman, der so schnell nicht loslässt und eigene Emotionen freisetzt. Bietet Stoff für vielfältige Diskussionsansätze. Die Figuren sind im Lesekreis nicht unumstritten: Im Roman kommt der Ehemann und Arzt Dr. David Henry "schlecht weg", durch seine autoritäre Entscheidung, das behinderte Kind kurzerhand in ein Heim geben zu wollen und obendrein seiner Frau eine Totgeburt zu suggerieren. Auch das Verhältnis zum anderen Kind, einem Sohn, ist mehr kühl und distanziert. Sein Hang zu starrem Perfektionismus ist ihm hier, wie in vielen Lebensbereichen absolut im Weg. In der Überzeugung, nur das Beste für Alle zu wollen, verstrickt er sich in immer weitere Lügen. Einzig in seinen Fotografien stellt er sich der Wahrheit als "Bewahrer der Erinnerungen". Der vermeintliche Verlust des Kindes stürzt die Ehefrau Norah in eine schwere Identitätskrise, die sie ihrerseits mit dem allein getroffenen Entschluß, eine Trauer- und Bestattungsfeier zu organisieren, zu verarbeiten sucht. Die Gefahr, ihren Schmerz mit Alkohol zu betäuben, wird deutlich, aber thematisch im Roman nicht weiter verfolgt. Die Rolle der Krankenschwester Caroline als alles ausgleichende, liebevolle und sich für das behinderte Kind einsetzende Pflegemutter erscheint dem Lesekreis etwas "aufgesetzt". Ihr aufopferndes Verhalten in jeder Situation, ihre Kämpfe um Anerkennung ihrer behinderten Pflegetochter Phoebe wirken manchmal zu glatt endend und dadurch überzogen. Wie auch der Schluss des Romans: der Vater stirbt, die Mutter verheiratet sich wieder und die dann erwachsenen Kinder lernen sich kennen und schätzen. Irgendwie haben sich dann wohl alle lieb ;-). Um die Assoziation zur Fotografie noch einmal aufzunehmen: In schwarz/weiß wären wohl die Akteure Dave / Caroline