​​​Das 1. Treffen im neuen Jahr nach der Winter-Feiertagspause.
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Daniel Kehlmann: Lichtspiel
Wie aus dem Klappentext hervorgeht, steht die Geschichte eines berühmten Regisseurs, der auf der Höhe seines Erfolgs die letzten Stummfilme produzierte, im Vordergrund. Mit Fritz Lang und Friedrich Murnau war er der wichtigste Filmemacher der Weimarer Republik: G. W. Pabst
Er, mit seiner Frau Trude (Gertrude) und seinem Sohn Jakob, ist eine der zentralen Hauptfiguren.
Die Film-Industrie in Zeiten des Dritten Reiches wird „beleuchtet“, Abhängigkeit und Opportunismus der Branche, Konstellationen von Macht und Ohnmacht eindringlich dargestellt.
Wie hat es uns gefallen:
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Hervorgehoben wird die Figurenvielfalt, der Perspektivenwechsel, die komplexe Struktur und Vielschichtigkeit.
Im Roman gibt es keine Zeitsprünge. Die Ausnahme bildet der 2. Handlungsstrang, in dem die Erzählerfigur Franz Wilzek, der dement im Seniorenheim „Abendruh“ lebt, als alter Mann zurückblickt. Er war Pabst’s Kameramann und Assistent. In das erste und letzte Kapitel ist das Geschehen um Pabst und dessen letztes Filmprojekt "Molander" eingebettet.
Anfang und Ende finden sich, Der Kreis der Geschichte schließt sich.
Der Roman ist gegliedert in 3 Abschnitte: "Draußen" (USA/Frankreich), "Drinnen" (Drittes Reich) und "Danach" die erwähnte Rahmenhandlung.
Was hat uns gefallen:
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Der Titel ist Inhalt und Metapher zugleich, lässt Raum für Wortspiele 😉: Schattenspiel, Schlaglicht, Blitzlicht, Lichtblick.
Wie ein Regisseur nutzt der Autor filmtechnische Mittel: Beleuchtung, Schnitt, Perspektive, Montage, Kameraführung.
Als „Einstieg“ ein Bonmot der leichteren Art, Seite 34: Im Draußen, Pabst ist in Hollywood, um die Sprache bemüht:
„Kein Windhauch, erstarrt die Palmen ums Schwimmbecken…(…)..„Großartig, sagte Pabst. GREAT. Er wusste, dass das Wort immer bei den Amerikanern passt, genau wie es richtig ist, immer ihre Schuhe zu loben."
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Besonders beeindruckend fanden wir:
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..die kafkaesk geschilderten Geschehnisse: unheimlich, rätselhaft und absurd.
Übersteigerte oder verzerrte Perspektiven, expressionistische Raumgestaltung.
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alptraumhafte Episoden: Seite 159 ff
Der Sturz Pabsts in der Bibliothek, wirft die Frage auf, ist er Pabsts Höhenangst anzulasten, oder hat wirklich der Hausmeister die Leiter gekippt.
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„Verzerrte Alltagsmomente": Seite 281
Gänge ohne Ende - Ein Labyrinth - Jakob steigt hinab in den dunklen Keller.
- Die Erwartung einer Gestalt. Wessen Fantasie? - Seine, oder die des Lesers? “
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Absurd bedrohlich:
Das Böse, das Unheimliche als Instrument – wie das Ticken der Pendeluhr im Schloss ,
wenn das Zuhause kein Schutzort mehr ist, sondern ein Gefängnis.
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beklemmende Situationen:
Die Anwesenheit des zwielichtigen Hausmeisters Jerzabeck mit seiner Familie, sie sorgen für Paranoia und Zwang, Furcht vor Denunziation.
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Besonders böse Satire: Pabst, in der Vergangenheit für seine sozialkritischen Filme berühmt, ist zum „Canossagang“ zu Goebbels gezwungen (im Roman am 1. April, …)
Besonders berührt hat uns:
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Die Perspektive Jakobs, auf der Bahnfahrt nach Österreich, als er, ohne es benennen oder verstehen zu können, die Deportationen beobachtet. Seite 123 ff
Die Abholung des Drehbuchautors Heuser, von zwei Gestapobeamten, und Trude, die das Drama nur akustisch, dennoch unbehaglich, mit Angst besetzt, erlebt. Seite 295
Diskutiert wurde:
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Kunst über alles? Abgründe unserer Zivilisation - Die persönliche Verantwortung in einer schwierigen Zeit.
Im Drinnen: Seite 303 Pabst mit Trude : "Du hast recht, hat er schließlich gesagt. Aber nur halb. Denn all das geht vorbei. Aber die Kunst bleibt...(..) Selbst wenn sie bleibt, die...Kunst. bleibt sie nicht beschmutzt?"
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Wie viele moralische Kompromisse verträgt die große Kunst? (Kehlmann)
»Weder in Frankreich noch in Amerika habe er so ungehindert arbeiten können!
An diesem Punkt erschrak er normalerweise und sagte, dass es natürlich ein großes Unglück sei, hier festzusitzen.«
Pabst erlebt Kognitive Dissonanz: Ignorieren, Verdrängen, Vergessen: Unangenehme Fakten aus dem Bewusstsein drängen, um das Spannungsgefühl kurzfristig zu senken. Sich des Systems bewusst, erklärt, rechtfertigt er sich selbst die Kompromisse, die er eingeht.
Es gibt kein richtiges Leben im falschen –
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Unzuverlässige Erzählinstanz
Die wiederholt geäußerte Kritik am unzuverlässigen Erzähler, sowie an der satirischen Darstellung prominenter Personen, wird auch bei uns deutlich, sobald historische Figuren bewusst fiktional verfremdet und satirisch verzerrt inszeniert werden.
Eine Rezeption des Buches als Biografie greift zu kurz und wird der Perspektive „Dichtung und Wahrheit“ nicht gerecht. Hilfreich wäre vermutlich ein Vorwort, Nachwort gewesen, um die Wahrnehmung einer persönlichen Herabsetzung zu vermeiden.
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Zum Ende und Fazit:
Die Existenz des Film-Projekts? „Molander“, von Wilzek durchgängig beharrlich geleugnet, geben wir nicht preis. Das Danach - Wir wollen nicht spoilern oder vorgreifen. Wurde es gedreht, geschaffen, unter diesen fürchterlichen Zu- wie Umständen?
-- Dichtung oder Wahrheit 😉
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Ein Buch, so intensiv, dass es eine Lesewiederholung verträgt.​​​