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Auch in diesem Roman gibt der Klappentext Auskunft über die Grund-Handlung, was das Leseerlebnis in keiner Weise schmälert. Er kann auch als Familienroman eingeordnet werden und wird von uns ausgesprochen positiv aufgenommen... Die Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte, von 1940 bis 1977, und begleitet die Protagonistin Beatrix durch verschiedene Lebensphasen.

Dabei geht es nicht nur um ihre persönliche Entwicklung, sondern auch um die Frage, wie prägend Herkunft, Familie und die eigenen Entscheidungen für ein Leben sein können, was sich im weiteren Ablauf des Romans spiegelt. Deutlich in der Entwicklung der Beziehung zwischen Beatrix und ihrem „Pflegegeschwister“ William:  Was zunächst als kindliche Nähe und Vertrautheit beginnt, wächst im Laufe des Romans zu einer zunehmend emotionalen und schließlich romantischen Beziehung. Es zeigt, wie sich Beziehungen und Gefühle über die Jahre hinweg verändern können.

Was hat uns gefallen:

Der Krieg steht nicht als unmittelbare Gefahr im Mittelpunkt. Vielmehr geht es um die emotionalen Folgen Heimweh, Unsicherheit und die Frage, wo man eigentlich hingehört. 

  • Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen, Erinnerungen und die emotionale Verbindung zwischen Menschen

  • Verlust steht im Vordergrund, Verlust der vertrauten Heimat und der Familie

  • Hoffnung und Menschlichkeit:  Menschen können füreinander da sein, obwohl die äußeren Umstände schwierig sind.  (Siehe die Aufnahme bei den Gregorys, Fürsorge und die Bereitschaft einem fremden Kind ein Zuhause zu geben).

Neben den häufig wechselnden personalen Erzählperspektiven gibt es auch mehrere Schauplatzwechsel zwischen London, Boston und Maine, sowie große Zeitsprünge. Die sinnlichen Beschreibungen von Gerüchen, Speisen, Landschaften und dem Meer machen die verschiedenen Orte und Lebenswelten anschaulich. Gleichzeitig ist die Sprache angenehm ruhig und emotional zurückhaltend.

Wie hat es uns gefallen:

Besonders beeindruckt hat uns die multiperspektivische Erzählweise des Romans. Die Handlung wird aus der Sicht verschiedener Familienmitglieder geschildert, wobei jede Figur eine eigene Stimme erhält. Auf diese Weise erhält der Leser Einblick in die individuelle Wahrnehmung der Figuren und kann ihre jeweiligen Beweggründe und Handlungen besser nachvollziehen. Gleichzeitig werden Zusammenhänge sichtbar, die den einzelnen Familienmitgliedern verborgen bleiben. So möchte Millie Bea eigentlich nicht fortgeben, während Beatrix hingegen davon ausgeht, dass ihre Mutter sie bewusst weggeschickt hat.

Wir diskutierten hier besonders das Verhalten der beiden Mütter das sich nicht eindeutig als richtig oder falsch bewerten lässt. Beide treffen Entscheidungen aus Liebe – und müssen dennoch damit leben, dass diese Liebe unweigerlich auch Schmerz und Verlust bedeutet. Es gibt keine Schuldzuweisung. Weder die Eltern noch die Gregorys handeln ausschließlich richtig oder falsch. Ihre Entscheidungen entstehen aus Angst, Liebe, Überforderung und den Bedingungen des Krieges.

Uns hat besonders berührt:

Besonders anrührend empfanden wir die Schilderung der beiden Mütter. Sie werden nicht als Konkurrentinnen um Beatrix’ Liebe dargestellt, sondern als zwei Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise für dieses Kind empfinden und lieben – und die beide in einem schmerzhaften Dilemma gefangen sind.

Millie, die leibliche Mutter, muss ihr Kind loslassen, gerade weil sie es schützen möchte. Nancy wiederum muss Beatrix lieben, obwohl sie von Anfang an weiß, dass diese Liebe mit der Gewissheit eines erneuten Verlustes verbunden ist und ihr nicht die eigenen fehlende Tochter ersetzen kann.

So tragen beide Frauen ihren eigenen Schmerz und handeln doch aus Fürsorge und Liebe. Keine von ihnen kann Beatrix vor allem Leid bewahren, und vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke dieser Darstellung: Ihr Verhalten lässt sich nicht eindeutig in richtig oder falsch einordnen.

Beatrix‘ Entwicklung ist von einem Identitätsverlust geprägt, sie muss sich an die neue Umgebung anpassen

  • In London ist sie die Tochter von Millie und Reginald

  • In Boston wird sie Teil der Familie Gregory

  • Nach ihrer Rückkehr nach England fühlt sie sich keiner Seite mehr vollständig zugehörig. Beatrix gehört zu beiden.. Keine dieser Familien kann die andere vollständig ersetzen. Ihre Identität entsteht gerade aus diesem Dazwischen.

 

Im Prolog wird dieser Konflikt besonders deutlich. Bea ist erwachsen, kann aber ihr früheres Selbst kaum mit ihrer Gegenwart verbinden. Sie empfindet die frühere Zeit beinahe so, als habe „jemand anderes“ sie erlebt.

»Die Gegenwart ist kaum vorhanden; die Zukunft existiert nicht. In den kurzen Augenblicken eines Menschenlebens zählt nur die Liebe.«

William Trevor, Turgenjews Schatten  Seite 7  Prolog

 

„Mein Lieblingsteam? Die Red Sox. Mein Lieblingsort? Maine. Mein Lieblingsessen? Die Muffins deiner Mutter, Und doch bin ich hier,. Das ist mein Zuhause, Meine Mutter ist hier, Ich gehöre hierher und doch bin ich wirklich im Schwebezustand, gefangen zwischen zwei Welten. Ich finde einfach nicht, wo ich hingehöre“ Beatrix zu William

Nicht gefallen hat uns:

Kritisiert wurde der Epilog, als überflüssig wahrgenommen, scheinbar zusammengebaut , geschönt, passend gemacht. Vielleicht hätte man das Ende ungewisser enden lassen sollen…

 

Symbolik:

Der Titel verweist auf einen Satz aus Virginia Woolfs Die Wellen: „Am Anfang war da das Kinderzimmer mit Fenstern, die auf einen Garten hinausgingen, und dahinter das Meer“. Das Meer bildet somit eine Grenze zwischen Vertrautem und Unbekanntem. Es liegt „dahinter“ und symbolisiert eine Welt, die gleichzeitig fern und emotional ständig präsent ist.  So beispielgebend für die Bücher des Mare Verlags ;-) 

 

Fazit:

Die Autorin macht deutlich, dass Familie nicht ausschließlich durch biologische Verwandtschaft entsteht, sondern durch gemeinsam verbrachte Zeit, Fürsorge und emotionale Bindung. Gleichzeitig wird gezeigt, dass ein Mensch zwischen mehreren Heimaten und Identitäten dauerhaft innerlich zerrissen bleiben kann.

Wir empfehlen es sehr gerne!

 

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