Was hat uns gefallen:
Der Klappentext nimmt den Inhalt des Romans bereits ausführlich vorweg. Spannend ist die Art und Weise wie die Geschichte nicht nur von einem möglichen Verbrechen erzählt, sondern vor allem davon, wie Angst den Blick auf die Wirklichkeit verändert und Menschen dazu bringt, Entscheidungen zu treffen, die sie unter anderen Umständen vielleicht nie getroffen hätten.
Wie hat es uns gefallen:
Wir sind uns einig, dass die psychologische Ausbildung der Autorin den Figuren und ihren Konflikten besondere Tiefe verleiht.
Entstanden vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spannungen in den USA – insbesondere der Debatten über Antisemitismus, Rassismus und die Black-Lives-Matter-Bewegung – verbindet der Roman psychologische Spannung mit einer präzisen gesellschaftlichen Analyse.
Die Protagonistin Lilach erzählt die Familiengeschichte aus ihrer Perspektive als Mutter und zieht dabei mit ihrer eindringlichen, subjektiven Sicht auf die Ereignisse die Leser*innen in Bann.
Was hat uns gefallen:
Zu Beginn wurde sogar der Bogen zum biblischen Hiob geschlagen.
„Denn das Schreckliche, das ich befürchtet habe, ist über mich gekommen; und wovor mir graute, das hat mich getroffen.“ (Hiob 3,25)
Wie Hiob werden auch die Figuren des Romans mit Schicksalsschlägen konfrontiert, die sie an ihre moralischen Grenzen führen. Die Frage, wie Menschen unter extremem Druck handeln und welche Entscheidungen sie dann treffen, zog sich wie ein roter Faden durch unsere Diskussion.
Gefallen und amüsant hat die Ironie der Darstellung des Lebens im Silicon Valley:
Hinter der glänzenden Fassade erfolgreicher Karrieren schildert Gundar-Goshen die Welt der mitgereisten Ehefrauen und Mütter, deren Alltag mit Töpferkursen, Seidenmalerei, Kochwettbewerben und Schulveranstaltungen gefüllt ist. Wir stellten schmunzelnd fest, dass trotz Hightech und Wohlstand am Ende doch wieder Schnitzel gebacken und Schulbrote geschmiert werden. Die vermeintlich moderne Welt wirkt in den familiären Rollenbildern überraschend traditionell.
Seite 146: ..so förderten die Männer unseren Glauben – den der Frauen im Silicon Valley- wir hätten einen richtigen Job. „
Ein zentrales Thema war das allgegenwärtige Sicherheitsbedürfnis der israelischen Figuren. Das Bewusstsein, dass jederzeit Gefahr drohen könnte, prägt ihr Denken und Handeln und lässt sich auch in der neuen Heimat Kalifornien nicht einfach abstreifen. Dieser Aspekt wurde als besonders eindrucksvoll und nachvollziehbar empfunden.
Kritischer fiel dagegen die Einschätzung einiger Handlungselemente aus. So wurde mehrfach angemerkt, dass die Figur Uri Fragen offenlässt. Wenn das ungute Gefühl Lilachs ihm gegenüber so stark ist, warum entscheidet sich die Familie dennoch für einen gemeinsamen Urlaub? Diese Entwicklung erschien uns nicht ganz überzeugend.
Ebenfalls kritisiert:
Teilweise wurde der Roman als etwas überfrachtet wahrgenommen.
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Michaels Geschichte als Adoptivkind,
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der Tod eines schwarzen, homosexuellen Jugendlichen,
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Adams Mobbingerfahrungen,
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Migration von Israel in die USA,
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Antisemitismus und Rassismus,
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die Geriatrie-Problematik bei Martha, die Bewohnerin des Seniorenheims und ihr „ADL-Test –
all dies wird auf vergleichsweise engem Raum verhandelt. Man kann es als die Vielschichtigkeit gesellschaftlicher Wirklichkeit sehen, jedoch hätten sich andere eine stärkere Konzentration auf einzelne Erzählstränge gewünscht.
Einigkeit herrschte hingegen darüber, die Autorin eindrucksvoll zeigt, wie sehr Herkunft, Religion und kulturelle Identität unseren Blick auf andere Menschen beeinflussen. Der Roman macht deutlich, wie schnell Vorurteile entstehen und wie vorschnell Schuld zugeschrieben wird – nicht nur durch Gerichte oder Ermittlungsbehörden, sondern ebenso durch Medien, Nachbarn und das soziale Umfeld.
Zitate:
Seite 63: Das Internet als Ratgeber: „So stand es im dem ersten Aufsatz, der auftauchte, als ich Umgang mit dem Tod eines Mitschülers eingab,."
Seite 89: „Wir haben die Gelegenheit, unser Kind rechtzeitig vor dem israelischen Wahnsinn zu retten, an dem das Irrste ist, dass alle ihn für normal halten.“
Seite 135: „Weißt du, früher dachte ich, die Größte Unbekannte im Leben seien unsere Eltern, Heute meine ich, die Größte Unbekannte im Leben der Menschen sind ihre Kinder“.
Seite 193: Das beängstigt mich am meisten. Geld ist die gefährlichste Ideologie überhaupt. Ihr ist nichts heilig, und sie erlaubt dir, alles zu tun.“
Seite 280: Angst und Unsicherheit, im italienischen Restaurant nach Steinwurf ins Fenster zuhause: „Ich sah mich um, suchte verdächtige Zeichen.(……)281: „Ich blickte nach rechts und links, achtete auf jede Regung. Wo der Wolf lauert.
Vergleich:
Ayelet Gundar-Goshens Roman Wo der Wolf lauert wurde mit Hausbrand von Kamila Shamsie verglichen. Die Gruppe stellte fest, dass beide Romane ähnliche moralische Fragestellungen behandeln, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Wie weit geht die Loyalität gegenüber den eigenen Angehörigen – und wo beginnt die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft? Ebenso wurde diskutiert, wo die Grenze zwischen Schutz und Vertuschung verläuft und wie weit Eltern gehen dürfen, um ein Familienmitglied zu schützen.
Fazit:
So blieb am Ende weniger die Frage, wer tatsächlich schuldig ist, als vielmehr die Erkenntnis, wie brüchig moralische Gewissheiten werden können, wenn Angst, Liebe und Loyalität aufeinandertreffen.
Das erinnert mich an einen Satz des Theologen Fulbert Steffensky:
„Die Welt ist komplizierter als unsere Urteile über sie.“ ;-)