Wie hat es uns gefallen:
Unsere zentrale Beobachtung war, dass das Motiv des Angelns weit über eine Freizeitbeschäftigung hinausgeht und zum eigentlichen Strukturmodell des Romans wird. Besonders intensiv wurde wahrgenommen, dass sich Beziehungen, Erinnerung und Wahrheitssuche weniger in direkten Gesprächen, als in stillen, tastenden Bewegungen entfalten.
Der Lesekreis deutete das Angeln deshalb als einen Kommunikationsraum ohne direkten Sprachzwang. Gerade weil die Familiengeschichte — insbesondere Tod, Verlust und DDR-Vergangenheit — sprachlich blockiert ist, ermöglicht das gemeinsame Tun eine andere Form von Beziehung.
Das Wasser „trägt“ dabei symbolisch das, was nicht ausgesprochen werden kann.
Besonders hervorgehoben wurde, dass die Angelmotive nicht konstruiert wirken. Der Autor schreibt mit erkennbarer Sachkenntnis bzw. gelebter Erfahrung über: Fischarten, Gewässer, Angeltechniken und die Beobachtungen der Natur.
Was hat uns gefallen:
Der zurückhaltende Stil Jüglers wird als angenehm und sehr passend empfunden. Die Wahrheit im Roman wird eher „erspürt“ als eindeutig erkannt.
Das gemeinsame Angeln als Form von Nähe, ohne Sprache, kein „peinliches Schweigen“, ist sehr versöhnlich. Dieses vereinigt:
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Erinnerung und Wahrheitssuche
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Sprachlosigkeit innerhalb der Familie
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Generationenbeziehungen
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Naturerfahrung und Trauerarbeit
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sowie die Frage, wie verdrängte Geschichte überhaupt erzählbar wird.
Die Figuren gewinnen keine vollständige Wahrheit. Wie beim Angeln bleiben Wahrnehmung und Erkenntnis unsicher, tastend und bruchstückhaft.
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Angeln als Vater–Sohn-Raum: Nähe im Schweigen
Die wichtigsten Momente zwischen Hans, dem Ich-Erzähler und Vater entstehen häufig beim gemeinsamen Angeln: Beide sitzen nebeneinander und schauen aufs Wasser, Gespräche bleiben knapp oder ausweichend. Dennoch entsteht eine Form von Nähe und vorsichtiger Verständigung.
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Oberfläche und Tiefe: Das Wasser als Wahrheitsraum
Ein wiederkehrendes Motiv ist der Blick auf Wasseroberflächen, Spiegelungen, das Unsichtbare darunter.
Damit lässt sich verbinden:
Oberfläche - Tiefe
offizielle Versionen - verdrängte Wahrheit
Familienerzählungen - Schuld und Trauma
scheinbare Ordnung - verborgene Gewalt
Das Angeln wurde daher als Bewegung „unter die Oberfläche“ verstanden.
Der Fisch ist nicht sichtbar — man spürt nur einen Zug.
Der „Biss“: dieWahrheit als Erschütterung: Besonders interessant war die Diskussion über den Moment des „Bisses“. Im Roman erscheint dieser nicht als Triumph, sondern als: kurzer Kontakt, intensive Irritation, Kampf mit etwas Unkontrollierbarem.
Übertragen bedeutet dies: Die Wahrheit bringt keine Erlösung, die Erkenntnis bleibt verstörend.
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Natur als Gegenwelt zur Geschichte
Die Seen und Flüsse wirken oft ruhig, zeitlos, zyklisch. Dem gegenüber stehen politische Gewalt, familiäre Traumata, DDR-Geschichte, Schuld und Vertuschung.
Im Lesekreis wurde diskutiert, dass die Natur die Vergangenheit nicht heilt, aber einen Raum schafft, in dem Schmerz überhaupt ausgehalten werden kann.
Das Angeln stabilisiert die Figuren rhythmisch:
Warten, Beobachten und Wiederholung schaffen Halt in biografischen Krisen.
Leitmotiv der Eintagsfliege / Maifliege
Mehrere Teilnehmer*innen sahen in der Eintagsfliege bzw. Maifliege ein zentrales Symbol für:
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Vergänglichkeit
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Geburt und Tod
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die Kürze menschlichen Lebens
Die Fliege verbindet zudem Naturbeobachtung und existenzielle Fragilität.
Interessant erschien dem Lesekreis auch die Doppelbewegung:
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Die Maifliege lebt extrem kurz.
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Gleichzeitig kehrt ihr Zyklus immer wieder.
Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen individueller Endlichkeit und natürlicher Wiederholung.
Offene Fragen im Lesekreis:
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Was wussten die Adoptiveltern tatsächlich?
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Wer verdrängte bewusst etwas — und wer nicht?
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Wieviel Wahrheit ist überhaupt rekonstruierbar?
Besonders berührende Szenen:
Mehrere Teilnehmer*innen nannten hier die Szene mit Hans auf dem Friedhof, als er das Grab seines Kindes selbst aushebt, wurde als Ausdruck äußerster Verzweiflung und existenzieller Einsamkeit wahrgenommen.
Die anhaltende Ungewissheit der innerlich destabilisierten Katrin wurde als emotional unerträglich erlebt.
Weitere Assoziationen:
Diskutiert wurde auch ein möglicher Vergleich zwischen gesellschaftlichen Systemen und verschiedenen Fischarten: Raubfische, Bodenfische, Barben, versteckt lebende Arten.
Die Idee dahinter:
Gesellschaftliche Strukturen folgen unterschiedlichen Formen von Macht, Anpassung und Überleben — ähnlich wie ökologische Systeme im Wasser.
Fazit:
Am Ende der Diskussion verdichtete sich die Beobachtung, dass der Erzähler selbst wie ein Angler arbeitet. Er
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„wirft aus“
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verfolgt Spuren
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wartet
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registriert kleinste Bewegungen
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zieht vorsichtig Verborgenes ans Licht
Aber: Er erhält nie „den ganzen Fisch“, also niemals die vollständige Wahrheit.
Zum Ende ein wunderschöner Satz, mit dem der Roman beginnt: „Wo die Ungewissheit endet, sagte mein Vater vor langer Zeit einmal, beginnt das Träumen.“
Wir finden diesen Roman ausgesprochen lesenswert und können ihn mit voller Überzeugung empfehlen!