Daniel Glattauer: DARUM
Bereits im Klappentext ist es deutlich: Die Frage ist weniger „Wer hat es getan“ sondern „Warum?“ – und warum wird diese Version geglaubt – und jene nicht?
In unserem Lesekreis wurde Daniel Glattauers Roman „DARUM“ kontrovers diskutiert. Die Meinungen zum Buch gingen deutlich auseinander: Während einige Teilnehmerinnen die satirischen und gesellschaftskritischen Aspekte des Romans besonders gelungen fanden, konnten andere mit der teilweise stark überzeichneten Handlung und einzelnen Wendungen wenig anfangen. Insgesamt hielten sich Zustimmung und Kritik in etwa die Waage.
Ein zentraler Diskussionspunkt war die Figur des „Protagonisten“, gewissermaßen sein "Psychogramm", der Mörder ohne sichtbares Motiv.
Dabei versucht die Figur offenbar ständig, den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Gerade dieser Aspekt wurde unterschiedlich bewertet:
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Einerseits macht er die Figur interessant und schwer durchschaubar,
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andererseits erschienen manche ihrer Handlungen und Entscheidungen den Leserinnen zu konstruiert oder unrealistisch.
Überhaupt wurden einige der zahlreichen Wendungen des Romans als wenig glaubwürdig empfunden. Manche Leserinnen hatten den Eindruck, dass die Handlung zunehmend ins Fiktive und Überzeichnete abgleitet. Andere konnten diese Überzeichnung als Teil des Konzepts akzeptieren und fanden darin einen besonderen Reiz des Romans.
Seite 187 „Die Regeln der Normalität.“
Gefallen hat uns:
Als positiv wurde die kritische Darstellung des Journalismus und der öffentlichen Meinungsbildung aufgenommen. Der Roman zeigt, dass nicht allein die Fakten entscheidend sind, sondern ebenso die Art und Weise, wie diese Fakten gedeutet, gewichtet und erzählt werden. Der Aspekt wie leicht sich ein Bild von einer Person durch mediale Darstellung verändern lässt, wurde von mehreren Teilnehmerinnen als aktuell und gelungen empfunden.
Seite 154 „Die Medien hatten mich anscheinend todkrank geschrieben“
Diskutiert wurde:
Satire als Stärke oder als Zugangs-Hürde? -
Uneinigkeit bestand dagegen bei der stark überzeichneten Satire. Einige Leserinnen waren von der satirischen Zuspitzung begeistert und sahen darin eine Stärke des Romans. Die Übertreibung ermögliche es, gesellschaftliche Mechanismen deutlicher sichtbar zu machen.
Filmvergleiche: „wie im schlechten Film“ – „weil Filme das Leben abpausen und das Leben abzupausen war schon immer einfacher und lustvoller als es selbst zu zeichnen“
Andere fanden gerade zu dieser Form der Satire keinen Zugang. Die Überzeichnung wirkte auf sie eher unrealistisch oder störend und erschwerte dadurch den Zugang zur Geschichte.
Vergleich:
Im Gespräch wurde ein Vergleich mit Albert Camus’ „Der Fremde“ gezogen. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob die Hauptfigur, beziehungsweise die Handlung, ebenfalls als eine Art Parabel verstanden werden kann – etwa als Auseinandersetzung mit der Frage, was einen „guten Menschen“ ausmacht und wie stark unser Verhalten von den Erwartungen anderer bestimmt wird.
Dieser Vergleich eröffnete eine interessante Perspektive auf den Roman: Nicht allein die Frage nach Schuld und Unschuld steht im Vordergrund, sondern auch die Frage, wie Menschen von ihrer Umwelt beurteilt werden und welche Rolle gesellschaftliche Erwartungen dabei spielen. „Denn die Spannung lebte von der Überraschung, nicht von der Erwartung.“
Fazit:
Die schöne und sehr interessante Diskussion zeigte insgesamt, dass „DARUM“ ein Roman ist, der sehr unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Diese machen deutlich, dass der Roman verschiedene Lesarten zulässt:
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Man kann ihn als Psychogramm einer ungewöhnlichen Täterfigur,
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als gesellschaftskritische Satire oder
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als Reflexion darüber lesen, wie sehr Menschen durch die Erwartungen anderer und durch öffentliche Deutungen geprägt werden.